Im Alter von etwa 18 Monate beginnt ein Kind erstmals Fragen zu stellen. Zunächst fragt es nach „Wer” und „Was” bis es mit ca. drei Jahren das „Warum” entdeckt. Die Lawine an Fragen kann uns Eltern manchmal überfordern, doch ein fragendes Kind ist ein lernendes Kind – und genau diese Eigenschaft sollten wir in unserem Kind fördern!
Fragen sind ein essentieller Bestandteil des Lernprozesses. Wenn wir nichts verstehen, können wir auch nach nichts fragen. Wenn es eine Unterbrechung in unserer Gedankenfolge gibt, erkundigen wir uns nach dem fehlenden Glied, oder wir stellen Fragen, um uns von der Richtigkeit unserer Gedankenstruktur zu versichern. Eine rege Fragekultur macht die Aneignung von Wissen deutlich einfacher und effizienter.
Doch der Mut zur Frage kann abhanden kommen. Aus einer Umfrage zu den Fragegewohnheiten an tschechischen Schulen in Havigova kam heraus, dass nur rund 20 % der im Unterricht gestellten Fragen tatsächlich von seiten der Schüler*innen kommt. Und die von den Lehrenden gestellten Fragen beziehen sich meistens aufs Gedächtnis und regen nicht besonders zum Nachdenken an (z.B. „In welchem Jahr geschah dieses Ereignis?”, „Haben wir das nicht bereits vorige Stunde besprochen?”).
Auch sind die Unterschiede in Bezug auf Fragekultur (und Fehlerkultur!) nicht zu unterschätzen, die aus dem Machtverhältnis zwischen Schüler*innen und Lehrenden entsteht. Vielleicht haben Sie Amélie Nothombs Roman „Der japanische Liebhaber” gelesen, und erinnern sich, wie die belgische Hauptperson durch aktives Fragen den Zorn ihrer japanischen Universitätsprofessoren auf sich zieht. Was ihr aus belgischer Sicht normal und wünschenswert erscheint, wird in der japanischen Kultur, in der sie sich gerade befindet, als respektlos und unverschämt wahrgenommen.
Vergangenen Januar kam ein junges Mädchen aus Mexiko in meine Klasse. Sie sprach noch kein Wort Deutsch, sollte nun aber die erste Klasse einer deutschen Schule besuchen. Sie ist nun in der zweiten Klasse und hebt sofort die Hand, sobald sie ihr Arbeitsblatt bekommt. Ihr Vater habe ihr gesagt, dass sie alle ihre Hausübungen in der Schule beenden solle, da er ihr zu Hause nicht helfen könne. So fragt sie sofort nach den fremden Wörtern in den Aufgabenstellungen, und ist danach in der Lage, die Übungen gut alleine zu lösen.
Wenn nur der Wortschatz fehlt, ist die Lösung leicht zu handhaben. Wörterbücher gibt es in Schulen zur Genüge, inzwischen ist digital auch Vieles erreichbar. Doch der Mut zu Fragen muss vorhanden sein und kann zuhause gut geübt werden. Eine positive Einstellung gegenüber Fehlern hilft, dass sich die Kinder trauen, zu fragen.
Wir können Kindern ein Vorbild sein, wenn wir besonders clevere Ansätze anderer Fragesteller hervorheben und loben. Wir können uns die Zeit nehmen, nach Antworten auf komplexe Fragen zu suchen. In Wörterbüchern, Lehrbüchern, diversen Quellen aus dem Internet. So lenken wir die Aufmerksamkeit unserer Kinder auf die Vielfalt von Informationsquellen, lehren über Falschinformationen im Netz und füttern ihre gesunde Neugier und Wissensbegierde.






