Die Entwicklung in mehrsprachigen Kindern unterscheidet sich oft drastisch von Kind zu Kind. Manche erzielen bald auf allen (oder vielen) ihrer Sprachen große Erfolge, häufig auch in weiteren Bereichen, welche die Eltern immer mal gerne auf ein “Wunderkind”-Phänomen zurückführen. Andere Kinder scheinen mit keiner ihrer Sprachen wirklich zurechtzukommen, ein Beispiel, das Gegner von mehrsprachiger Erziehung gerne als Abschreckungsmethode nutzen. Wenn doch die Extrema in mehrsprachigen Kindern auffälliger sind als bei einsprachigen Kindern, haben sie eine gemeinsame Ursache: die individuellen Fähigkeiten des Kindes. Was ist denn nun die Lösung für ein Kind, das in allen Sprachen Schwierigkeiten aufweist? Verbessert der Fokus auf nur eine Sprache tatsächlich sein intrinsisches linguistisches Talent?
Meine Antwort: Nein – das zeigt zumindest meine langjährige Erfahrung mit mehrsprachigen Kindern diverser Niveaus und Hintergründe. Lassen Sie mich anhand zwei meiner Klientinnen erläutern.
Fall Nummer 1: Eine ungarische Mutter in Tschechien war sich unsicher, wie sie ihrem Sohn am besten bei ihren Hausaufgaben helfen konnte. Zuhause sprach das Kind Ungarisch und Englisch, in der Schule Tschechisch, eine Sprache, welche die Mutter nicht sicher beherrschte. So musste sie sich vollkommen auf die Meinungen des Lehrpersonals verlassen und fand es schwierig, selbst einzuschätzen, ob und wie viel Unterstützung der Junge benötigte. Da sich das Kind mit Lesen schwer tat, hatte sie sich entschlossen, sich zuerst auf Tschechisch zu konzentrieren und ihm das Lesen auf Ungarisch zu einem späteren Zeitpunkt beizubringen, um keine weitere Verwirrung zu stiften.
Fall Nummer 2: In derselben Webinar-Gruppe des vorigen Beispiels befand sich eine weitere Mutter, zweisprachig, deren Tochter Leseschwierigkeiten aufwies. Auch sie hatte beschlossen, den Fokus auf die Schulsprache zu setzen, in der Hoffnung, zur Leseverbesserung beizutragen.
Ich riet beiden Müttern, zusammen mit ihren Kindern auf ihren Muttersprachen, also ihren dominanten Sprachen, Lesen zu üben. Schon die darauffolgende Woche berichtete mir die erste Mutter glücklich, wie ihr Sohn aus dem Gedichtebuch der Oma buchstabierte. In beiden Fällen waren schon nach kurzer Zeit deutliche Verbesserungen in beiden Sprachen zu sehen, welche sowohl von den Eltern als auch von den Lehrpersonen der Kinder rückgemeldet wurden. Aber wie konnte das passieren?
Kompetenzen sind transversal – d.h., übertragbar. Ein Kind, das beispielsweise Lesen in einer Sprache lernt, legt viele Bausteine, die es beim Lesen lernen in einer anderen Sprache nutzen kann. Das Kind muss so nicht vollkommen von Null aus beginnen. Natürlich ist es einfacher, wenn die unterschiedlichen Sprachen das gleiche Alphabet benutzen, d.h. gleiche Bausteine teilen. Doch bei Sprachen, mit unterschiedlichen Schriftsystemen, ist es umso wichtiger, Lesen und Schreiben im Kindesalter zu lernen, und es nicht aus Angst vor Informationsüberflutung oder Verwirrung auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.
Die Übertragbarkeit von Kompetenzen begrenzt sich nicht nur auf Linguistik, sondern wirkt sich auch auf andere Bereiche aus. Mathematik, zum Beispiel, wird in unterschiedlichen Ländern oft unterschiedlich beigebracht. So empfahl ich einer ungarischen Familie, die nach Katalonien umgezogen war, in ungarische Online-Nachhilfe in Mathematik für die Kinder zu investieren. Die Nachhilfe basierte auf dem ungarischen Lehrplan, der sich vom örtlichen katalanischen Lehrplan unterschied. In der Tat verbesserten sich die Mathematikleistungen beider Kinder, obwohl die Unterstützung auf einer anderen Sprache und basierend auf einem anderen Schulsystem stattgefunden hatte.
Lasst uns die veralteten Warnmärchen über Mehrsprachigkeit in die Tonne schmeißen. Wir können unsere mehrsprachigen Kinder unterstützen, indem wir ihnen unsere dominanten Sprachen lehren, statt sie in den Hintergrund zu schieben. Das wird auf allen ihren anderen Sprachsystemen eine positive Auswirkung haben und uns näher zu unserem Kind bringen. Warum der Skifahrer? Weil dieser Beitrag von Eileen Gu, der zweisprachigen Skimeisterin, inspiriert wurde.






