Die größte Gefahr für mehrsprachige Erziehung sind die leider weit verbreiteten Vorurteile über den Prozess des Sprachenlernens. Erst letztens ließ während eines meiner Webinare eine polnische Mutter den Satz fallen: „Ich weiß, dass die Muttersprache meiner Kinder Niederländisch sein wird, aber ich werde mein Bestes tun, um ihnen Polnisch beizubringen.”
Tatsächlich gibt es keinen nachweisbaren Grund, weshalb ihre Kinder nicht zwei Muttersprachen haben sollten: Niederländisch und Polnisch. Trotzdem ist diese falsche Überzeugung in unserer Gesellschaft leider immer noch viel zu tief verankert. Unsere einschränkenden Einstellungen zur Mehrsprachigkeit auszumerzen, erfordert Zeit und Kraft. Doch genau das hilft dem Sprachenbildungsprozess unserer Kinder am meisten!
Ich empfehle eine aktive Auseinandersetzung mit der Thematik, Nachlesen in Fachliteratur, oder sogar offene Foren wie meine Gruppenwebinare, die ich aus genau diesem Grund anbiete. Mir fällt es deutlich leichter, Eltern im Rahmen von mehrsprachiger Erziehung zu unterstützen, wenn ich weiß, welche unbewussten Vorurteile sie mit sich tragen.
Ein gutes Verständnis der Synergie der Sprachen bei mehrsprachigen Menschen ist die beste Waffe, um gegen (eigene) Vorurteile dieser Art anzukämpfen. Die Begriffe, die wir benutzen, wenn wir über Mehrsprachigkeit reden, sind entscheidend für unsere Einstellung gegenüber dem simultanen Spracherwerb. Beispielsweise ist der englische Begriff des „balanced bilingual” weit verbreitet – wahrscheinlich aufgrund der Alliteration der B-Laute. Hingegen wird die deutsche Variante der „ausgewogenen Zwei-/Mehrsprachigkeit“ aber kaum benutzt und klingt auch weniger überzeugend. Dabei ist es durchaus möglich, ein hohes Niveau auf mehr als einer Sprache zu erlangen!
Doch Sprachentwicklung ist kein linearer Prozess, sie ist von Schwankungen nicht befreit und es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, dass Kinder im gleichen Tempo ihre mehreren Sprachen lernen müssen. Meine Forschung und langjährige Erfahrung mit mehrsprachiger Erziehung bestätigt dies, auch wenn „Experten” der Einfachheit halber solch eine lineare Sprachentwicklung suggerieren. Dabei tauchen plötzlich Prozentzahlen auf, die wohl Schätzungen sind, wie viel Nutzung eine Sprache in einer mehrsprachigen Person benötigt wird, um beherrscht zu werden. In diesen irreführenden Artikeln erscheinen gern mal Prozentsätze wie 50 – 50 %, oder 30 – 30 – 30 %. Vielleicht mag dies auf den ersten Blick logisch erscheinen, doch der Spracherwerb ist in der Praxis alles andere als “logisch”.
Wie sollte so eine Prozentaufteilung bei vier, fünf, oder sogar mehr Sprachen funktionieren? Auch bleibt die Frage unbeantwortet, weshalb in einem Fall schon 30 Prozent aktive Sprachnutzung ausreichen, aber beispielsweise 70 – 30 % nicht funktionieren.
Wenn wir nach Gleichgewicht für unsere mehrsprachigen Kinder suchen, müssen wir dies an einem anderen ganz entscheidenden Ort tun: in einer ausgewogenen Beziehung zwischen den Quellen der unterschiedlichen Sprachen (Familie, Freunde, Mitbewohner*innen,…) und unserem mehrsprachigen Kind. Das ist nicht immer einfach, vor allem wenn nicht jeder die Sprache des anderen versteht.
Bei Babys oder kleinen Kindern neigt die Umgebung dazu, toleranter zu sein – jeder nutzt seine/ihre Muttersprache. Diese Toleranz nimmt leider mit dem zunehmenden Alter des Kindes oft ab, weil jeder verstehen möchte, was im Raum gesagt wird. Es ist die Aufgabe der Familienmitglieder, zu entscheiden, wie viel in einer „fremden” Sprache zum Kind gesprochen wird, ohne dass alles übersetzt werden muss.
Jede Familie muss hierbei ihr eigenes Sprachengleichgewicht finden, dies kann viele Formen annehmen. Einer meiner Webinar-Teilnehmer, ein in England lebender Vater, sprach mit seiner philippinischen Frau als gemeinsame Sprache nur Englisch als Familie und mit dem Kind. Ermutigt von unserem Gespräch, bat er sie, mit dem Kind Tagalog zu sprechen, während er selbst seine Muttersprache verwendete. Die gemeinsame Familiensprache blieb Englisch. Diese Abmachung half ihrem Sohn ungemein bei seiner Mehrsprachigkeit und hatte darüber hinaus auch einen stimulierenden Effekt auf beide Elternteile, die nun auf ihren Muttersprachen eine Beziehung mit ihrem Sohn aufbauen konnten.






