Welches Alter ist am besten geeignet, um Fremdsprachen zu lernen? Dieser Frage gehen Forschende seit Jahrzehnten nach. Studien zeigen, dass es für Kinder vorteilhaft ist, wenn sie schon im frühen Alter gleichzeitig mehreren Sprachen ausgesetzt sind.
Die ersten bedeutenden Ergebnisse in linguistischer Forschung beschrieben das “kritische Alter” (Panfield und Roberts, 1959), eine Altersspanne, die in der Pubertät endete. Es hieß, diese sei die wichtigste Zeitspanne für das Gehirn, Informationen dieser Art aufzunehmen und zu verarbeiten. Mit der Zeit wurde diese Theorie durch den Begriff der “sensiblen Phase” (Lenneberg, 1977) erweitert, und das lernfähige Alter bis weit nach der Pubertät erkannt.
Sicher bleibt aber, dass es für ein mehrsprachiges Kind am günstigsten ist, wenn es alle seine Sprachen von Geburt aus lernt, weil sich das für die Ausbildung seines Sprachzentrums positiv auswirkt.
Doch was passiert, wenn diese Möglichkeit nicht gewährleistet ist, und das Kind erst nacheinander mit den unterschiedlichen Sprachen in Kontakt kommt? In solchen Fällen sprechen wir von der sogenannten „Spätbilingualität“. Heutzutage ist unser Bild des Spracherwerbs bedeutend nuancierter. Es ist offensichtlich, dass das Alter das Sprachenlernen beeinflusst, jedoch ist dies nur eines der vielen Faktoren, die zur Mehrsprachigkeit führen.
Solange die Motivation, eine Sprache zu lernen, aufrechterhalten bleibt, und der Wille, die richtigen Lernstrategien zu finden, ist der Weg zur Mehrsprachigkeit nie verloren. Wir sind nie zu alt zum Lernen – auch nicht nach der sensiblen Phase.
Was ist der Schlüssel zum Erfolg?
Ist es ein angeborenes Sprachtalent? Zumindest wird das Fehlen einer solchen linguistischen Begabung sehr häufig als Grund genannt, wenn einem das Lernen von Fremdsprachen schwerfällt. Und wenn es doch mit Leichtigkeit geschieht, wird wiederum mit Sprachbegabung geprahlt. Doch was genau verstehen wir unter einem Talent für Sprachen?
Der Psycholinguist John B. Carroll spricht hier von den folgenden vier Aspekten:
- Ein gutes Gehör. Wie gut wir Sprachlaute erkennen können, beeinflusst unsere Fähigkeit, diese Laute akkurat nachzuahmen.
- Grammatikalische Sensibilität. Die Fähigkeit, das System, die der Grammatik zugrunde liegen, zu erkennen. Die Elemente der Sprache, z.B. Verben, Substantive und Adjektive, auseinanderzuhalten und ihre Regeln und Rollen im Satzbau zu verstehen.
- Ein gutes Gedächtnis. Die Fähigkeit, sich ein ausgeprägtes Vokabular anzueignen.
- Lernfähigkeit. Vielleicht das Wichtigste in dieser Liste – das Wissen, und die Anwendung für eine eigene, individuelle Lernstrategie.
Je mehr von diesen Fähigkeiten ein Kind beherrscht, desto leichter fällt ihm das Lernen einer Zweitsprache. Die gute Nachricht ist – alle diese Fähigkeiten können entwickelt werden. Selbst wenn sich die Person außerhalb ihrer Jugend befindet. Denn ein systematisches Verständnis der Muttersprache, unter Anwendung der Carroll’schen Faktoren, führt zu höheren Erfolgschancen auf dem Weg zur Bilingualität. Tatsächlich können einsprachige Erwachsene mit einsprachigen Kindern konkurrieren, wenn sie beide eine Zweitsprache durch Immersion lernen.
Die Ausnahme bilden natürlich mehrsprachig erzogene Kinder, die durch das simultane Lernen mehrer Sprachen von jungen Jahren an über ein weiter ausgeprägtes Sprachzentrum verfügen. Das gilt übrigens auch für mehrsprachige Erwachsene – das Wissen mehrerer Sprachen macht das Gehirn nämlich empfänglicher für das Lernen von zusätzlichen Sprachen.
Ein weiterer essentieller Faktor zum erfolgreichen Spracherwerb ist die Motivation des/r Schüler*in. Dieses Thema werde ich in einem weiteren Artikel ausführlicher behandeln, aber an dieser Stelle folgendes Beispiel: Die Wahl der Sprache kann eine große Auswirkung auf die Motivation eines präadoleszenten Kindes haben. Wenn sich beispielsweise das Schriftsystem der neuen Sprache signifikant von der (oder den) dominanten Sprache(n) unterscheidet, ist ein höherer Grad an Motivation erforderlich, als wenn sich die Sprachen ein Alphabet teilen. Freilich ist in diesem Fall die Gefahr höher, sich einen falschen Akzent anzutrainieren, da z.B. im lateinischen Alphabet auf unterschiedlichen Sprachen mit den gleichen Buchstaben unterschiedliche Laute abgedeckt werden.
Es ist wichtig, schon während des Lernens einen aktiven Sprachgebrauch zu pflegen, Gespräche auf der zu lernenden Sprache sind ein unverzichtbares Werkzeug zum effizienten Spracherwerb. Also lassen Sie die Scham zuhause, wappnen Sie sich mit einer guten Portion Selbstbewusstsein und nutzen Sie jede Gelegenheit, Ihre Fremdsprachen in Gesellschaft zu üben!






